Josef Quack

Über Benedikt XVI.
Eine Würdigung





Es war zu erwarten, daß zum Tod Benedikts XVI. in den deutschen Medien wieder die bekannten Vorurteile und Ressentiments gegen den Papst auftauchen und ausposaunt würden. Es konnte nicht verwundern, daß ein Papst, der so kundig den Relativismus der säkularen Weltanschauung kritisiert und die Tendenz zur Verweltlichung in der deutschen Kirche so deutlich demaskiert hat wie Ratzinger, hierzulande bis über den Tod hinaus angefeindet wird.

Über die deutschen Verhältnisse hatte er wörtlich gesagt: „Hier haben wir weit mehr kirchliche Institutionen, als wir mit kirchlichem Geist decken können.“ (Salz der Erde 1997, 184) Und zum Kanon der deutschen Kritik hatte er eingewandt, es handle sich dabei um „eine ständige kirchliche Selbstbeschäftigung“, die an die wahren Problemen der Krise nicht heranreiche (l.c.171). Mit jenem Kanon sind gemeint: Frauenordination, Empfängnisverhütung, Zölibat, Wiederverheiratung Geschiedener. Ein wichtigere Sache ist natürlich der später hinzugekommene Mißbrauchsskandal. Er hat die Kirche bis heute tief erschüttert.

Was aber die Weltanschauung oder die öffentliche Meinung in den säkularen Gesellschaften angeht, so hat er immer wieder betont, es sei wahr, „daß die Kirche sich nie einfach mit dem Zeitgeist liieren darf“ (l.c. 87). Das heißt aber nichts anderes, als daß ein Christentum, das den einmütigen Beifall unserer medialen Öffentlichkeit fände, gewiß nichts wert wäre. Das ist der entscheidende Punkt, der in den Diskussionen über die Kirche zu wenig beachtet wird.

Die neuerlich repetierte Kritik an Ratzinger betreffend, wäre zu erinnern, daß er die einzelnen Themen in seinen Gesprächsbüchern mit Peter Seewald, Salz der Erde (1997), Licht der Welt (2010) und Letzte Gespräche (2016), eingehend besprochen hat, und es ist schlechter journalistischer Stil, wenn heute wieder Vorwürfe erhoben werden, die in den genannten Schriften längst widerlegt sind. Vor allem aber zeigt diese ressentimentgeladene Uninformiertheit der Publizisten, daß sie unfähig sind, die wahren Lebensleistungen Ratzingers als Theologe und Amtsträger überhaupt zu erkennen.

Joseph Ratzinger war nicht der originellste katholische Theologe seiner Zeit, wohl aber der einflußreichste, was das Geschick der Kirche angeht. Er hat als Berater von Kardinal Frings mit zwei oder drei Reden Verlauf und Charakter des Zweiten Vatikanischen Konzils nachhaltig bestimmt, um ein Modewort von heute zu gebrauchen; er hat mit seiner Einführung in das Christentum (1968) ein bis heute unübertroffenes Standardwerk geschaffen, das Generationen von Studenten und interessierten Leser über den katholischen Glauben zuverlässsig unterrichtet hat; er hat maßgeblich an der Konzeption und Ausführung des Katechismus der katholischen Kirche (1997) mitgewirkt; er hat wichtige Gedanken zur Enzyklika „Fides et ratio“ (1998, Glaube und Vernunft) beigesteuert, zu einem Schreiben, das die Autonomie der natürlichen Vernunft betont und verteidigt.

Nicht zuletzt er hat mit seiner Monographie über Jesus von Nazareth (2007/2012) den Gläubigen in verständlicher Form gezeigt, daß es neben der historisch-kritischen Lektüre der Evangelien auch eine theologische Lektüre der Schrift geben kann, meines Erachtens die dauernde und wichtigste Leistung seines Pontifikates. Er hat das Jesus-Buch zwar nicht als Papst, sondern als Theologe geschrieben; doch ist es keineswegs belanglos, daß gerade ein Papst dieses Werk der Bibelinterpretation geschrieben hat. Als Papst gehört er in die kleine Reihe der großen Glaubensgelehrten.

Angesichts dieser einzigartigen Laufbahn als Theologe glaubt man es kaum, daß Ratzinger, 1927 geboren, seine Habilitations-Prüfung, die Voraussetzung für die Privatdozentur, im Februar 1957 fast nicht bestanden hätte, weil Michael Schmaus, damals ein namhafter Theologieprofessor, gravierende Einwände gegen Ratzingers Schrift erhob. Ratzinger empfand diese „Demütigung“ als heilsame Erfahrung (Letzte Gespräche S.118). Als er Professor in Bonn geworden war, fand er großen Anklang bei den Studenten und bei Kardinal Frings, der ihn zu seinem Konzilsberater wählte.

Frings hielt im November 1961 in Genua eine von Ratzinger verfaßte Rede zum Thema „Das Konzil und die moderne Gedankenwelt“, dazu bemerkte Johannes XXIII. lobend: „Welch glücklicher Übereinklang des Denkens“ (l.c.144). Wichtig wurde dann der Vortrag, den Ratzinger für die deutschsprachigen Bischöfe zu Beginn des Konzils hielt und die „Instruktion für Frings, die Wahl der zehn Konzilskommissionen zu torpedieren“, im Oktober 1962 (Seewald l.c. 154). Inhaltlich ging es um das rechte Verständnis der Offenbarung. Das Ergebnis dieser Reden, die breite Unterstützung bei den Konzilsvätern und vor allem auch die Billigung des Papstes fanden, war, daß das Konzil von nun an die Vorlagen selbst erarbeiten konnte.

Zur Einführung in das Christentum (1968) kann man vorbehaltlos sagen, daß dieses Werk das weitere Schicksal Ratzingers bestimmt hat. Denn Bischof Karol Wojtyla war von dem Buch beeindruckt: „Er hatte meine Einführung in das Christentum gelesen. Das war für ihn offenbar eine wichtige Lektüre. Gleich als er Papst wurde, hat er sich vorgenommen, mich als Präfekten der Glaubenskongregation nach Rom zu berufen.“ (Licht der Welt S.19).

In dieser Schrift hat übrigens Ratzinger manche Idee von Rahner übernommen, so daß man sagen kann, daß sie, als prominentes Beispiel, zur Wirkungsgeschichte von Hörer des Wortes, Rahners religionsphilosophischer Arbeit, zu rechnen ist (cf. J.Q., Zur christlichen Philosophie bei Karl Rahner, S.183ff.).

So verschieden die theologischen Ansätze der beiden Gelehrten auch sind, Ratzinger verwendet immer wieder glückliche Prägungen Rahners, so auch die elementare Definition: „Das Wesentliche von Religion ist die Beziehung des Menschen über sich hinaus zu dem Unbekannten, das der Glaube Gott nennt“ (Salz der Erde S.23). Rahner spricht gewöhnlich von dem „absoluten Geheimnis, das wir Gott nennen“ (Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums 1976, 54). Ratzinger hat dieses Werk, das originelle, philosophisch begründete Pendant zu seiner eigenen, primär theologisch argumentierenden Einführung in einer ausführlichen Besprechung diskutiert und anerkenndend gewürdigt.

Bemerkenswert ist nun, daß Rahner gegen Ende seines Werkes überlegt, ob es Kurzformeln des Glaubens geben sollte und wie sie beschaffen sein müßten. Dabei weist er auf die Tatsache hin, „daß Versuche, einen überall geltenden gemeinsamen Weltkatechismus zu schaffen und amtlich einzuführen, gescheitert sind“ (Grundkurs des Glaubens 432). Ebendies aber, was Rahner für unmöglich hielt, hat dann Ratzinger angeregt, in die Wege geleitet und erfolgreich abgeschlossen, den Katechismus der katholischen Kirche, das Werk einer Kommission von mehreren Bischöfen (cf. J.Q., Zur christlichen Literatur im 20. Jahrhundert, S.98ff.).

Soviel in aller Kürze zu den bleibenden, einzigartigen Leistungen Benedikts, die man um so mehr bewundern muß, als sie der prekären Gesundheit eines älteren Menschen in höchster Position abgerungen sind. Man muß keineswegs in allem einer Meinung mit ihm sein, doch sollte man wenigstens seinen Standpunkt in den umstrittenen Fragen kennen (cf. Zur Wahrheitsfrage bei Joseph Ratzinger)

In den Gesprächsbüchern hat er zu allen gegen ihn erhobenen Vorwürfe Stellung genommen: zur umstrittenen Rehabilitation der Pius-Bruderschaft, zur Wiederzulassung der lateinischen Messe, zu seiner Kritik des Islam, zu den Mißbrauchsverbrechen der Kleriker.

Im September 2006 hielt er in Regensburg eine Vorlesung über das Thema, daß im Islam das Problem zwischen Religion und Gewalt nicht gelöst sei. Die Reaktion waren gewaltsame Proteste muslimischer Organisationen und in Deutschland der Vorwurf ignoranter Journalisten und Politiker, daß er die Muslime beleidigt habe. Inzwischen – nach der Erfahrung des terroristischen „Islamischen Staates“ - sind solche Vorwürfe verstummt (Licht der Welt S.122).

Im Januar 2009 wurde die Exkommunikation gegen die Piusbruderschaft, zu der als Sonderfall auch der anglikanische Bischof Williamson gehörte, vom Vatikan rechtsgültig aufgehoben. Danach veröffentlichte das Schwedische Fernsehen ein Interview vom November 2008, in dem jener Bischof die Gaskammern des NS-Regimes leugnete. Seewald vermutet, daß es sich bei dem Vorgang um ein „Komplott gehandelt haben könnte, mit dem Ziel, dem Papst größtmöglichen Schaden zuzufügen“ (l.c. 150).

Eine Folge dieses Medien-Coups war ein Statement der deutschen Bundeskanzlerin. In einer Pressekonferenz vom Februar 2009 — im Beisein des Präsidenten von Kasachstan, eines lupenreinen Despoten! — tadelte sie den Papst, Benedikt, weil der Vatikan Verbindung mit einem Bischof aufgenommen hatte, der sich antisemitisch geäußert hatte — was man damals, auch in Rom, nicht wissen konnte. Es lag aber nicht der geringste Beleg dafür vor, daß der Vatikan die Auffassung des Bischofs teilte. Dies aber nahm Merkel an, und ihr Statement war doch wohl ein Ausdruck ihrer wahren Gesinnung, die zweifellos einen antirömischen Affekt enthielt. Denn Ratzinger bedurfte gewiß nicht einer Belehrung in Sachen des Antisemitismus. Merkel aber war der einzige Regierungschef auf der ganzen Welt, der den Papst in dieser Sache öffentlich tadelte (cf. P. Scholl-Latour, Die Welt aus den Fugen 2012, 150ff.).

An diesem Silvester hat die Tagesschau es für richtig gehalten, dieses törichte Statement der früheren Kanzlerin zu wiederholen, ohne freilich den Despoten aus Kasachstan zu zeigen. Von Lernfähigkeit kann bei diesen Medienfunktionären keine Rede sein.

Als Benedikt im Juli 2007 die lateinische Messe wieder zuließ, war er sich natürlich bewußt, daß er in der Karfreitagsliturgie die diskriminierende Fürbitte für die Juden nicht übernehmen konnte. Er ersetzte sie durch eine allgemeine Formulierung, in der nicht mehr direkt für die Bekehrung der Juden gebetet wurde. Trotz dieser wesentlichen Änderung des Textes haben einige Theologen gegen diese Reform polemisiert und in unserer Öffentlichkeit wurde die Zulassung des lateinischen Ritus falsch so dargestellt, als habe Benedikt die alte Fürbitte übernommen (cf. Licht der Welt S.133).

Als die Mißbrauchsfälle in den USA bekannt wurden, hat Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation Richtlinien erlassen, die die Zusammenarbeit mit der staatlichen Justiz sowie Präventionsmaßnahmen vorschrieben. Die wichtigste Bestimmung lautete: „Jegliche Vertuschung sollte verhindert werden“ (l.c.49f.). Diese Richtlinien wurden in den folgenden Jahren mehrmals verschärft. In dem Hirtenbrief an die Katholiken Irlands vom 19.3.2010 wurden die Maßnahmen und Präventionen gegen den Mißbrauch schutzloser Kinder im einzelnen begründet und ausgeführt. Die entscheidende Vorschrift war, daß pädophil veranlagte Männer auf keinen Fall zum Priestertum zugelassen werden dürften (l.c. 217).

Auf diesen Mißbrauchsskandal bezieht sich die Anklage, die Kardinal Ratzinger am Karfreitag 2005, vor seiner Wahl zum Papst, formulierte: „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?“ (l.c. 52).

Dagegen behauptet Matthias Drobinski, Chefredakteur des Publik-Forums, in einem Interview auf dem Portal von t-online: „Aber es war immer so, dass bei ihm die Erkenntnis stand: Die katholische Kirche ist heilig und rein, und sie muss es bleiben. Der Schutz der Institution war für ihn immer wichtiger als die Frage, was mit den Betroffenen passiert. Das ist das Hauptversagen, dass dem alles unterzuordnen war und die Frage nach den Betroffenen nicht im Mittelpunkt stand.“

Dieses Statement widerspricht eklatant dem Karfreitagstext, der kirchenrechtlichen Reaktion auf die klerikalen Vergehen und den zahlreichen Erklärungen Benedikts zu dem Thema. Journalistische Sorgfalt läßt der Redakteur durchaus vermissen. Im krassen Gegensatz zu der Behauptung des Publizisten stellt Benedikt fest: „Das Böse wird auch immer zum Geheimnis der Kirche gehören.“ (l.c. 55)

Das die Tatsachen verfälschende Urteil des von Berufs wegen romkritisch eingestellten Journalisten ist ein Beleg für die prinzipielle Gegnerschaft vieler maßgeblicher deutscher Katholiken gegen Papst Benedikt. Dies zeigte sich zuletzt auch bei den Vorwürfen, die man ihm im Hinblick auf seine Zeit als Erzbischof in München machte. Ein juristisches Gutachten bringt gegen ihn vor, daß er in vier Fällen Priester, die sich des Mißbrauchs von Kindern schuldig gemacht haben, weiter als Pfarrer eingesetzt habe. Dazu erklärten die Anwälte Benedikts: "Das Gutachten enthält keinen Beweis für einen Vorwurf des Fehlverhaltens oder der Mithilfe bei einer Vertuschung", außerdem: "Als Erzbischof war Kardinal Ratzinger nicht an einer Vertuschung von Missbrauchstaten beteiligt."

In seiner Antwort auf diese Anklagen unterlief Benedikt aber ein Erinnerungsfehler oder ein Gedächtnisirrtum, der in der Öffentlichkeit vorschnell und fälschlicherweise als Lüge bezeichnet wurde, sogar von einem Kirchenrechtler. Ein Jurist aber, der nicht zwischen einem Irrtum, einem Fehler und einer Lüge, dem absichtlichen Sagen der Unwahrheit, unterscheiden kann, hat sich selbst nicht nur als Rechtswissenschaftler, sondern auch aus rational denkender Mensch disqualifiziert.

Benedikt hatte behauptet, daß er an keiner Sitzung der Bistumsleitung teilgenommen habe, auf der Fälle jener Art behandelt wurden. Bei genauer Prüfung stellte sich heraus, daß er doch an einer Sitzung teilgenommen hatte, bei der es um einen verdächtigen Pfarrer ging. Allerdings war nicht von dessen mutmaßlichen Vergehen die Rede, sondern von anderen Themen, die mit diesem Komplex nichts zu tun hatten.

Es konnte natürlich nicht überraschen, daß einige deutsche Bischöfe Benedikt in dieser Sache öffentlich kritisierten. Freilich sind diese Kirchenmänner und Kirchengelehrte bisher selbst nicht durch überragende intellektuelle, theologische oder amtliche Leistungen aufgefallen. Es scheint, daß sie sich nun mangels anderer Talente und Verdienste durch ihre Papstkritik profilieren wollten.

Das Wichtigste aber zum Schluß: Benedikt hat klar erkannt, was viele seiner publizistischen und auch bischöflichen Opponenten bis heute nicht begriffen zu haben scheinen, daß die gegenwärtige Kirchenkrise eine fundamentale Glaubenskrise ist, und zum "Absturz" des Christentums in den säkularen Gesellschaften hat er selbstkritisch eingestanden, daß dieser Niedergang zum Teil selbstverschuldet ist (Salz der Erde S.134; 181f.).

Benedikt XVI. aber wird durch seine Einführung in das Christentum, seine Jesus-Monographie, seine öffentlichen Reden und Schreiben, sein entschiedenes Vorgehen gegen die von Klerikern begangenen Mißbrauchsverbrechen und seine kluge Kirchenleitung in bester Erinnerung bleiben, eine einzigartige, bedeutende Gestalt der Kirchengeschichte.

J.Q. — 2. Jan. 2023

© J. Quack


Zum Anfang